Ballade aus dem Ibmer Moor von Rudolf Huber


1:

Der Herbstwind streicht übers tote Moor,
es quellen die grauen Nebel hervor.
Aus milchigem Dämmer fliegt Rabengeschrei,
und dann wird es still und die Nacht kommt herbei.
Der Latschenfilz sinkt in Finsternisse,
der traute Pfad führt ins Ungewisse.
Ertrunken im Dunkel sind Birke und Strauch,
verweht sind die Hütten gleich flüchtigem Rauch.

Es wird der Tümpel zum gierigem Schlund,
der Torfstich zur Falle in brodelndem Grund.
Der Wind erstirbt nun, und bleichschwere Ruh,
und düstere Schwärze deckt alles zu.
Da knackt es und rauscht es im Heidekraut,
und tappende Schritte werden laut.
Die Totenstille die alles umhüllt,
wird vom keuchendem Atem mit Dröhnen erfüllt.

Geht ein Irrer, ein Flüchtling auf schwarzem Grund,
durchs lauernde Moor zu grausiger Stund?
Doch der Wanderer kennt sich des nachts hier aus,
wie Käutzchen und Eule und Fledermaus.
Ihn ficht die dräuende Schwärze nicht an,
kein falscher Schritt wird deshalb getan.
Er fühlt nur die Last auf seinem Rücken,
fast scheint's ihm, sie wolle ihm niederdrücken.
Das ist doch ein Bündel Reisig bloß,
was ist da so schwer, was ist mit ihm los?

Heut morgen noch ging er mit flüchtigem Schritt,
ins taunasse Moor zum Reisigschnitt
Er schwang sich von Birke zu Birke empor
und fühlte sich stärker als je zuvor.
Dann freilich als er die Arbeit getan,
da sprang, wie so oft, der Teufel ihn an.
Er lockt ihn, er zerrt ihn mit sanfter Gewalt
hinaus aus dem Moor, durch Wiese und Wald,
quer über die Äcker, auf steinigem Rain
und stößt ihn zu Furkern ins Wirtshaus hinein.












2:

Dort zecht er,bis die Schatten sich neigen
und brach erst auf, als die Sterne sich zeigen.
Schon brannte der Spätwind in Nase und Ohr,
und aus Gräben und Stichen kroch Nebel hervor,
als endlich er hin zum Birkengrund kam
und das Reisig auf seinen Rücken nahm.
Dann gähnte der Tag und es schloß sich sacht,
sein leuchtendes Auge und es ward Nacht.
Nun schwankt er mit seinem Bündel einher,
es drückt ihm als ob es ein Maltersack wär.
Er stöhnt und er flucht und jetzt wirft er die Last,
ins Heidekraut hin und hält darauf Rast.

Da sitzt er nun keuchend im nachtschwarzen Moor,
der alte Rebell, der verblendete Tor,
der Korbflechter, der Besenbinder,
der Raufbold, der Saufbold, der Tagdieb Veit Zinder.
Wärs nicht so frostig an diesem Ort,
da brächt ihn jetzt keiner so schnell von hier fort.
Ihn lockt keine Stube, kein wärmender Herd,
ihm wird kein Willkommensgruß zur Heimkehr beschert.
Verödet liegt sein verfallenes Haus
hier geht nur er und der Wind ein und aus.

Er wirft sich aufs Reisig, erschöpft sucht er Ruh,
da fliegen ihm quälende Bilder zu.
Aus Nebel und Nacht tritt sein Weib heran
und schaut ihn voll Vorwurf und Trauer an.
Es stirbt, indeß er im Wirtshaus saß
und im Trunk und im Streit auf sie vergaß.
Nun kreisen ihn seine Kinder ein,
er spürt ihre Blicke voll nagender Pein.
Wie oft im Rausch war er zum Schinder,
zum schamlosen Quäler der eigenen Kinder.
Kaum flügge, liefen sie aus dem Haus,
weiß der Teufel wohin, in die Welt hinaus.

Jetzt denkt er an die Gewitternacht,
als der Hagel ihn um die Feldfrucht gebracht.
Da riß er das Kreuz voller Haß von der Wand
und brach es in Stücke mit frefelnder Hand
und warf es in triumphierender Wut
hinein in die prasselnde Ofenglut.
Die grausamen Bilder verlassen ihn nicht,
sie stehen vor ihm wie das Jüngste Gericht.
Verzweifelt stiert er ins Schwarze hinein,
da dünkt's ihm, als sähe er einen Schein.






3:

Nun zeigt sich ganz deutlich ein tanzendes Licht,
das rasch aus der finsteren Nebelbank bricht.
Sieh da! Wie ein Glühwurm kommt's angeflogen
und umkreist ihn lautlos in weitem Bogen.
Ein Irrlicht, durchzuckt's ihm, doch gleich knurrt er rauh:
"Altweibergeplapper und Kinderwauwau!"
Schon einmal versuchten sie ihm zu necken
und ihm mit gaukelndem Licht zu erschrecken,
jedoch er ging ihnen nicht auf dem Leim
und trieb mit dem Stecken, die Nachtbuben heim.
Seit jener Nacht, da man feig ihn beschlich,
trägt er Ochsenziemer und Schlagring mit sich.

Vergessen sind plötzlich die düsteren Bilder,
er springt nach dem flackernden Licht wie ein Wilder.
Nun ist er ihm nah und immer wieder,
saust pfeifend der Ochsenziemer hernieder.
Er schlägt in die Luft, es ist ihm entschlüpft!
Nun kommts von der anderen Seite gehüpft.
"Laternenschaukler, dich krieg ich noch!
Er macht einen Satz und stürzt in ein Loch.
Es zieht ihm der Sumpf die Stiefel aus,
und kriecht nur mit Müh' ohne sie heraus.
Im Nebel aber, mit grünlichem Glanz,
umschwirrt ihn das Licht in hüpfendem Tanz.

Nun ist seine Wut erst richtig entfacht.
Er nimmt seiner bloßen Füße nicht acht,
nicht der beißenden Kälte der Finsternis nicht.
Mit knirschenden Zähnen verfolgt er das Licht,
das immer größere Kreise zieht
und dann schwankend ins tiefe Moor entflieht.
Er hastet mit hechelndem Atem dahin,
und lechzende Rache füllt Seele und Sinn.
Es brechen im stechenden Latschengewirr,
die frostharten Äste mit leisem Geklirr.
Er fällt in die Dornen im Bronbeergrund
und stößt sich die Zehen an Wurzeln wund,
nur weil er das Licht nicht verlieren will.
Was ist? Nun hält es ganz plötzlich still.





4:

Er schleicht es wie eine Katze an,
er duckt sich und streckt sich und springt sodann.
Er schwingt den Schlagring in seiner Faust
und hofft, daß er trifft, wenn er niedersaust.
Da stürzt er ins Leere mit gellendem Schrei
und denkt nur das eine: "Jetzt ist es vorbei!"
Es spritzt das Wasser, es gurgelt der Grund,
er sinkt hinein in des Moores Schlund.
Es scheint mit langsamen, würgenden rucken
ohne Hast und mit Gleichmut der Sumpf ihn zu schlucken.
Zur Richtstatt wird der verlassene Stich,
er will es nicht glauben, noch wehrt er sich.

Doch je mehr er sich müht in der Todespein,
desto tiefer und tiefer sinkt er hinein.
Schon steht bis zum Hals er im brodelnden Brei,
nur den Kopf und die Arme hält er noch frei.
Sein hilfloser Blick sieht die Nebelweben
hoch über sich hin das Lichtlein schweben.
Es wähnt ihm gekommen die Todesstunde,
da wird ihm noch Hilfe in letzter Sekunde.
Schon gluckst ihm die stinkende Brühe ums Ohr,
da greift er die Leiter und zieht sich empor.

Entronnen aus grausiger Todesnot
fällt hin er ins Moos und liegt dort wie tot.
Sein Zorn ist verraucht, sein Haß ist ertrunken,
die Rachgier im brodelnden Moorgrund versunken.
Es beißt ihn die Kälte, er muß von hier fort.
Das Licht steht noch immer im Nebel dort.
Nun sieht er's bald steigen und dann wieder sinken,
fast scheint es ihm so, als wollt' es ihm winken,
und er geht mit bedächtigem Schritt darauf zu.
Nun schwebt es vor ihm in friedlicher Ruh
und führt ihn aus Schwärze und Nebelgraus
auf sicherem Pfad aus dem Moor hinaus.
Und weiter folgt er des Lichtes Schein,
er weiß nicht warum, nach Ibm hinein.









5:


Aus dem Bäckerhaus kommt noch Lampenschein,
er pocht und man schleppt den Erschöpften hinein.
Nachdem die Barmherzigen ihn gelabt,
ihn gepflegt und den Moorschlamm ihm abgeschabt,
erzählt er ihnen auf ihr Befragen,
was sich Seltsames heut mit ihm zugetragen.
Der Meister hört's, besinnt sich und spricht:
"Veit Zinder, das war des Herrgotts Licht!"
"Er weiß deine Taten und kennt dein Leben,
drum wollt er dir eine Lehre geben!"
"Der Herrgott, meinst du, hat mir's gesandt?
Der Herrgott ist tot, den hab ich verbrannt."

Er sagt's und hebt sich vom Lager drauf
und geht zum Fenster und reißt es auf.
Da sitzt noch immer mit glühendem Schein,
das seltsame Licht vorm Haus auf dem Stein.
Er zündet im Ofen den pechigen Span
und leuchtet den Stein durch das Fenster an.
Jetzt sieht er's ganz deutlich der Stein ist nicht ferne,
das Lichtlein, das flackert in einer Laterne!
Er schleudert den lodernden Span in die Nacht
und flucht zum Erschaudern und lacht, und lacht.
"Da habt ihr euer himmlisches Licht!
Ein schäbiger Lump war auf mich erpicht
und hat mich auf diese abscheuliche Art
hinein in den lauernden Sumpf genarrt."

Er läßt sich nicht halten, er stürzt aus dem Haus.
"Verdammtes Irrlicht, nun blas ich dich aus!"
Er kommt zur Laterne in keuchendem Lauf,
er faßt sie und reißt sie blindwütig auf.
Voll Zorn will er blasen, da bleibt ihm vor Schrecken
die pfeifende Luft in der Kehle stecken.
Das Auge wird groß, das Antlitz erstarrt.
Es sträubt sich das Haar und der borstige Bart.








6:

Es brennt in Gehäuse mit grünlichem Schein
ohne Docht, ohne Wachs, die Flamme allein.
Er steht wie versteinert und rührt sich nicht,
er atmet nur mühsam und stiert in das Licht.
Die Bäckersleut eilen herbei
und fliehen zurück mit Entsetzensschrei.
Nun endlich löst sich des Schreckens Macht
und behutsam trägt er das Licht durch die Nacht,
zum Kirchlein hinein und tritt durch das Tor
und geht zum Altarstein und hebt es empor.
Dann wirft er sich auf das Pflaster nieder:
O du mein guter Herr Jesus Christ,
der du der große Verzeiher bist,
du hast mir wahrhaftig dies Licht hier gesandt,
daß ich greife nach deiner erbarmenden Hand.

Ich preise dienen hochheiligen Namen!"
Er schlägt noch das Kreuz und spricht noch das "Amen"
da durchzuckt wie der Blitz ihn ein stechender Schmerz,
er stürzt auf das Pflaster und greift an das Herz.
Der Atem geht schwer und löst bald darauf
sich in qualvolles Stöhnen und Röcheln auf.
Dann kehrt wieder Stille ins heilige Haus
und füllt es mit göttlichem Frieden aus.
Der Bäcker wagt's erst im Morgengrauen
durch den Türspalt in das Kirchlein zu schaun.
Das Licht ist verschwunden, die Laterne leer,
auf dem Pflaster liegt Veit und atmet nicht mehr.
Wann starb der Veit Zinder? Kein Mensch weiß das klar.
Sein Grab ist so wild, wie sein Leben war,
drauf wuchern der Feldblumen vielerlei,
und seltsam, auch Heidekraut ist mit dabei.
Warum es grad hier seine Wurzeln geschlagen,
und seit wann es da blüht, das kann keiner sagen.
Ja, einmal im Jahr, in herbstlicher Nacht,
hält ein Lichtlein auf seinem Grabhügel Wacht.